Weingut Kerschbaum im Tasting: Ein Herz für Rotweine – und zwei Weisswein-Einhörner

weingut kerschbaum horitschon burgenland


Mein Bauchgefühl ist mittlerweile so gut, dass ich in den ersten 3 Sekunden nur anhand des Etiketten-Dresscodes erkennen kann, ob der Wein vom Style her mein Style ist. Und bei dieser Flaschenpost aus Österreich war ich mir schnell sicher: Ja. Der Fokus beim Weingut Kerschbaum liegt auf Rotweinen und Blaufränkisch – ganz nebenbei steht aber noch ein grandioser Deep Talk Weisswein auf der Playlist. Wie das schmeckt und warum alle ein Abenteuer wert sind, lest ihr hier.


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Wer das Weingut Kerschbaum kennenlernen möchte – (und soviel kann ich spoilern: Pflicht-Date für Wein-Entdecker), landet ziemlich schnell beim Blaufränkisch. Und damit mitten im Mittelburgenland, genauer gesagt in Horitschon. Hier, im österreichischen „Blaufränkischland“, dreht sich seit Jahrzehnten vieles um diese charaktervolle Rebsorte. Beim Weingut Kerschbaum allerdings schon lange mit einer ganz eigenen Handschrift.

Gegründet wurde der Familienbetrieb 1989 von Paul Kerschbaum – damals mit gerade einmal drei Hektar Rebfläche. Sein Ansatz war früh klar: Blaufränkisch sollte nicht einfach irgendein Wein im Sortiment sein. Als Vergleich mit dem modernen Sport formuliert: der Franchise Player. Aus dem kleinen Betrieb ist inzwischen ein Weingut mit rund 40 Hektar geworden. Heute führt Sohn Michael Kerschbaum das Werk seines Vaters weiter und verbindet dabei Erfahrung mit eigenen Ideen.


weingut kerschbaum X 2015 rotwein

Immer der eigenen Nase nach. Heute führt Michael Kerschbaum das Weingut gemeinsam mit seiner Frau Stephanie und einem jungen Team. Auf rund 40 Hektar entstehen charakterstarke Rotweine, bei denen Herkunft, Präzision und Langlebigkeit im Mittelpunkt stehen. 


Das Weingut Kerschbaum in drei Begriffen? Herkunft, Kraft und Zeit. Nicht nur Zeit lassen. Sondern schon auch ein bisschen mit der Zeit gehen. 


Zahlt sich Geduld aus? Für sein bisher persönlichstes Projekt, die Sonderedition Blaufränkisch „X“, Jahrgang 2015, ließ Winzer Michael Kerschbaum den Rotwein zehn Jahre reifen. Und reifte dabei gleich mit.

weingut kerschbaum X 2015 rotwein

Wie ernst es Kerschbaum damit ist, zeigt sein bisher persönlichstes Projekt namens „X“. Ein Blaufränkisch aus dem Jahrgang 2015 wurde nicht möglichst schnell verkauft, sondern auf die stille Treppe geschickt. Immer wieder. Erst 2025 kam er auf den Markt – als gereifter Wein und als Statement dafür, was passieren kann, wenn man sich auf so ein Geduldsproben-Premieren-Abenteuer einlässt.

Klick – hier erfahrt ihr aus Sicht des Blaufränkisch X, was für ein Wein da in der Flasche zur Persönlichkeit wurde.



Weingut Kerschbaum im Tasting

Aber zurück zu den anderen, ebenfalls ungeduldig machenden Weinen. Ich hab mich durch mehrere Rotweine sowie einen Weisswein vom Weingut Kerschbaum probiert – und stelle euch nachfolgend vor, für wen und warum diese Weine eine reizvolles Date sein könnten.


weingut kerschbaum horitschon burgenland

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Der filigran zweigeteilte Etiketten-Dresscode hat jeweils ein Typo-Fundament und oben einen Gemälde-Vibe mit eigener Farbwelt. Subtiler Hinweis auf Weine mit Tiefgang, die aber nicht lautstark auf sich aufmerksam machen müssen – weil innere werte am Start sind.




weingut kerschbaum horitschon burgenland blaufränkisch ried hochäcker

Riecht wie Augen leuchten? Manche Weine kommen einem entgegen wie ein Typ im Samtsakko, der schon beim ersten Hallo ziemlich direkt signalisiert, wie großartig er sich findet. Der Ried Hochäcker Blaufränkisch (13,90 €) ist zum Glück anders. Charmant, elegant, ziemlich entspannt – und mit deutlich mehr Tiefe, als er zunächst durchblicken lässt.

Schon die Nase riecht irgendwie wie Augenleuchten. So nach Weinkarton auspacken. Die Einwicklung von der Leberkässemmel wegreissen. Brombeere, Piment und feine Würze, dazu dieser straffe Charakter, der Tiefe andeutet, ohne sich wichtigzumachen. Alles wirkt ein bisschen neblig und schwebend – als wäre der Wein an einen kleinen Heißluftballon gebunden und würde einen ganz entspannt mitnehmen.

Im Mund dann: glatt, geschmeidig, stringent. Feingliedrig wie ein gutes Seidenhemd, charmant und galant, ohne geschniegelt zu wirken. Der Wein massiert die Zunge förmlich. Und nach dem Schluck schmilzt da ganz fein Nougat mit Brombeeren dahin – sanft, behutsam, ziemlich relaxt.


Denimt sich hervorragend im Glas. Was mir besonders gefällt: Dieser Blaufränkisch hat keinerlei Allüren. Je mehr Luft er bekommt, desto mehr zeigt er davon, was in ihm steckt. Dann wird er noch nougatiger, noch beeriger – fast wie Beeren-Wellness im Glas.

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Dabei bleibt alles wunderbar ausbalanciert. Klare Handschrift, aber kein Wein, der einem seine Visitenkarte unter die Nase hält.

Vielleicht ist genau das sein Charme: Er hat Tiefe, ohne tiefgründig tun zu müssen. Ist elegant, ohne distanziert zu sein. Und nahbar, ohne banal zu werden. Ein Blaufränkisch zum Reinkommen. Und ziemlich gern noch ein Glas zum Dableiben.

Weingut Kerschbaum Blaufränkisch Ried Hochäcker, Preis: 13,50€, über kerschbaum.at/de




weingut kerschbaum horitschon burgenland blaufränkisch ried dürrau

Elegant, aber nicht kleinkariert. Die Paraderiede Dürrau steht für einen sehr komplexen Blaufränkisch mit leichter Extraktsüße, Holz-Vibes und eine Prise schokoladigem Grinsen. Ausbau in vorwiegend neuen Barriques und Großfässern. 


Schlechtes Wetter? Gibt nur schlechte Kleidung. Umso besser, wenn neben der Funktionsjacke im Haus ein Rotwein wie dieser hier aus Österreich parkt. Sommer-Gewitter find ich eh magisch, und so war auch: der Blaufränkisch Ried Dürrau. 

Die 2 Stunden dekantieren aus der Beschreibung haben wir nicht geschafft – meine Eltern und ich buchstabieren Geduld jetzt auch nicht grade fehlerfrei. Weine der Kategorie (26,90€) trinken wir nicht alltäglich. Aber der Deep Talk aus der Flasche sprach für sich. Irgendwie schwerelos wie dieser Regenduft, dennoch Tiefe, ohne Angst vor dem Winter zu haben.


Wenn man sich neugierig auf diese Rotwein-Reise einlässt, kann das schon mal Perspektiven verschieben.

weingut kerschbaum horitschon burgenland blaufränkisch ried dürrau

Für mich war’s ein Märchenwald aus Beeren, Kokospalmen und Schinkenstrassen – feinsinnig smooth, rauchig, aber alles so galant humorvoll. Gleitend. Johannisbeere hüpft wie Rotkäppchen vorbei, und für den bösen Wolf bleibt nur Altglas übrig.

Weingut Kerschbaum Blaufränkisch Ried Dürrau, Preis: 26,90€, über kerschbaum.at/de




Opera heißt übersetzt „Werk“. Und wenn man sich diese Cuvée aus 60 % Blaufränkisch und 40 % Merlot so anschaut – oder besser: ins Glas schenkt –, passt der Name ziemlich gut. Denn hier spielt nicht einer die erste Geige. Das Ensemble ist ziemlich perfekt aufeinander abgestimmt. Und trotzdem hat der Wein seinen ganz eigenen Auftritt.

weingut kerschbaum horitschon burgenland opera

Rockig trifft kuschlig? Die Neukomposition Opera bedeutet übersetzt „Werk“ – und ist eine Liaison aus Blaufränkisch und Merlot.


In der Nase erstmal: weich. Samtig. Ein bisschen wie eine Luxus-Hängematte, in die man sich nach einem langen Tag fallen lässt. Lebkuchen und Zimt, Brombeere, ein Hauch Whisky. Dicht und vielschichtig, dabei so elegant, dass man sich fast widerstandslos reinziehen lässt – wie in einen richtig guten Film, bei dem auch die Musik stimmt.

Und dann der erste Schluck: Seide. Glatt. Geschmeidig gefährlich. Der Wein gleitet erstmal ziemlich entspannt dahin, nimmt dann aber Fahrt auf. Kirsche und Brombeere, Schokolade, ein bisschen Schwarzwälder Schinken. Und dann: Punch. Eine herbe Kirschsäure meldet sich zu Wort, dazu Würze, Pfeffer aus dem Mörser, ein Hauch Kardamom. Kurz pelzig, dann wieder smooth.


Dicht und vielschichtig, dabei so elegant, dass man sich fast widerstandslos reinziehen lässt: Weingut Kerschbaum Opera lässt Berührungsängste verfliegen.

weingut kerschbaum horitschon burgenland opera

Überhaupt hat die Opera diese wunderbare Nonchalance: nichts Lautes, nichts Aufgesetztes. Purer Eleganz fehlt hier jede Spur von Anstrengung. Der Wein macht kein großes Grande Finale – er nimmt lieber die verschlungenen Pfade. Und genau das macht so Bock, hier zuzuhören.

Weingut Kerschbaum Opera, Preis: 16,90€, über kerschbaum.at/de




weingut kerschbaum cuvée impresario

Formidabel, frech, finessenreich. Bei dem ausgewogenen Beerenmix namens Cuvée Impresario gibt Blaufränkisch den Ton an. Cabernet Sauvignon und Merlot runden den Look mit würzigen Noten, dunkler Frucht, einem Hauch von Kakao und einer dezent salzigen Note ab. 


„Ein Wein ist immer auch ein Abbild des Menschen, der ihn macht.“, hat mir Winzer Michael Kerschbaum im Interview gesagt. Und das passt. So ruhig, aber pointiert wie er kommt auch die Cuvée Impresario (34,90€) daher, (60 % Blaufränkisch, 20 % Zweigelt, 15% Merlot, 5 % Cabernet Sauvignon) – ein Deep Talk Wein für die Herbst/Winter-Saison, der Finesse ganz ohne extrovertierten Hüftschwung buchstabiert. 

Die Nase wickelt sich in eine Kuscheldecke aus in Balsamico marinierten Erdbeeren, Brombeere, Pfeffer, Kirsche. Saugt einen schon episch rein wie das Star Wars Intro. 

Im Mund? Smooth und galant. Wie ich, wenn ich mich in fremder Umgebung bisschen sortiert habe, taut der Wein dann auf, traut sich ein paar frechere Sprüche zu. 


Ein Herz und eine Seele: die Weingut Kerschbaum Cuvée Impresario und laue, ankühlende Terrassenabende.

weingut kerschbaum horitschon burgenland

Super elegant, ein „Erstmal Leisetreter, der es aber faustdick hinter den Ohren hat. Nougat und Orange klatschen sich ab, herb und juicy zugleich. Für mich so ein Abenteuer-Wein, dem man sagt: Mach du mal den Reiseleiter, ich lass mich auf alles ein. Vor allem aber: auf eine zweite Flasche. 

Weingut Kerschbaum Cuvée Impresario, Preis: 34,90€, über kerschbaum.at/de




Wie wird ein Weißwein von einem Weingut, das vorrangig Rotweine auf die Playlist streamt? Ein Charakterkopf, der sich nur auf den ersten Blick zurückhält. Der Chardonnay Reserve von aus dem Burgenland ist ein eleganter, aber so gar nicht kleinkarierter Chardonnay aus dem Holz, aber nicht auf dem Holzweg. 


weingut kerschbaum chardonnay reserve

Der flüssige Wein-Dresscode hat tatsächlich was von Märchenwald. Wer neugierig auf Entdeckungs-Tour geht, wird mit feinen Twists – und Happy End – belohnt.


Die Nase fühlt sich an Kräuter, Quitte, Mirabelle, Picknick auf einer nebligen Blumenwiese zwischen Kräutern und Streuobstbäumen – und riecht wie ich glaube dass das funkeln der Sonne im plätschernden Bach schmecken würde. Das Ding gleitet creamy, smooth, aber gleichzeitig so humorvoll lässig im Mund umher, als ob sich Herbe Noten und Säure ein High Five geben.


Nussig-floral, smooth, schmelzig – und fruchtig-finessenreich zum Dahinschmelzen: der Chardonnay Réserve vom Weingut Kerschbaum.

weingut kerschbaum chardonnay reserve

Also bisschen wie ein First Date, bei dems direkt funkt. Gespräche gehen nie aus, man entdeckt immer wieder neue Reize, merkt gar nicht, wie die Zeit vergeht. Und hofft dann, dass es zeitnah ein Wiedersehen – oder ein zweites Flaschen-Date gibt. 

Weingut Kerschbaum Chardonnay Reserve, Preis: 23,90€, über kerschbaum.at/de




weingut kerschbaum horitschon burgenland

Der Reihe nach oder Querbeet? Hört beim Wein-Tasting nicht auf Regeln. Sondern euren Bauch.


Österreich und Rotwein – zieht mich immer magischer an, weil es so verschiedene Abenteuerfilme in der Flasche gibt, so viele Ideen, Drehbücher und Handschriften. Beim Weingut Kerschbaum hab ich mich in der Reihenfolge des Preisregals (ja: kein Alltags-Budget, aber alle absolut fair bei Preis/Leistung, to be honest) durchprobiert – vom Einsteiger Rotwein Ries Hochäcker bis zur Cuvée Impresario. Und dadurch Schritt für Schritt mehr die persönliche Idee von Winzer Michael verstanden. Oder anders: Wie die Person, die all diese Weine handwerklich ins Glas orchestriert, tickt. Jeder Wein nimmt einen gastfreundlich an die Hand, seiner Reise-Route zu folgen. Man muss zu keiner Zeit Angst haben, in einem Thriller mit 7 Zeitebenen und 15 Handlungssträngen zu landen, bei dem man nicht mehr durchblickt. Dennoch fährt keiner der Weine einfach erwartbar gradeaus – nie. Manchmal kommt eine schöne Säure-Salsa um die Kurve, oder eine stabile Gewürz-Tankstelle: Charmant, aber überraschend, und das macht doch den Reiz aus. Zumal lustigerweise ausgerechnet der Weisswein vom Rotwein-DJ einer der coolsten Deep Talk Chardonnay-Soundtracks des Jahres war, die mir 2026 über die Zunge gestreamt ist.


*mit weininformativer Unterstützung von wine-partners.at

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