Meine Wohnung, mein Job – mein Charakter?

Bin ich als Mensch weniger wert oder vorzeigbar, weil ich nicht im hippen Viertel wohne oder keine Beförderungs-Flatrate habe? Ist mein Charakter schlechter, weil er sich nicht über 3 Zimmer, Küche, Bad ausbreiten kann? Aber sowas von Nein! Persönlichkeit ist in anderen Dingen zu Hause.


„Und wo wohnst du“? „Milbertshofen.“ „Wieso das ?“

Aktuell hat man ja doch mehr Zeit, sich mit sich zu beschäftigen oder Themen, die man vielleicht immer schon mal machen wollte. Eines davon ist eine Reaktion auf eine Reaktion, die sich in mittlerweile über 8 Jahren Dating, Kennenlernen und Smalltalk in München irgendwie zum Running Gag entwickelt hat. Nur dass ich die Pointe halt heute noch mit Lupe suche.

Die Frage, wo ich wohne, kommt bei Dates meist drei Sekunden vor oder nach der Frage, was man denn genau suche. Meist schon damals nach den ersten Textnachrichten, dann hab ich schon keine Lust mehr. Und die Antwort auf meine Antwort ist so gut wie immer die gleiche Frage. Wieso wohnt man in Milbertshofen?

“Hey verwöhnte sponsored Bitch, ich muss halt schauen, was ich mir leisten kann!” möchte man sagen, rufen oder in ihre Fitvia Tee-Kanne kratzen. Macht man dann aber doch nicht. Oder selten. Kurz zur Einordnung für Außenstehende: Wäre der Stadtteil ein Bundesligaclub, dann keiner, der in naher Zeit um die oberen Plätze mitspielt – aber auch nie wirklich Gefahr läuft, mal abzusteigen.


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All I hear is bla. bla, bla … Manchmal möchte mans nur wie der Turtleneck Namensgeber machen und den Kopf unter den Panzer ziehen. Oder hört einfach gute Musik.


Risiko Wohnort oder: alles Hood, Girl?

Ich geb zu: Ich hab schon manchmal gedacht, mich vorzubereiten, aufs Stichwort ein Essay hinzuballern, nein, eine gerappte oder vorgetextete Hymne auf meine Hood, meinen Wohnort rauszuballern. Kulturgeschichtliche Analyse, Excel-Listen mit Vor-Umzugs-Recherche. Aber mal ehrlich: Das läuft doch nicht ab wie in Hogwarts, wo ich mir eine Basecap aufsetze und dann in ein Münchner Viertel verhaftet werde, das für meine Persönlichkeit steht. Vor allem: Was genau hätte denn mein gegenüber davon? Kann man bei den Freunden besser mithalten beim Girls Talk? Besteht sonst Scham-Gefahr statt Charme-Offensive? Oder ist das einfach der mit Geburt verliehene Status, die Person ginge bei mir ein wie ein Vampir bei Sonnenlicht und ich check das beim Texten oder Treffen nicht sofort? Fragen über Fragen.

In Städten bist du heute froh, wenn du überhaupt eine bezahlbare Wohnung findest. Noch dazu halbwegs zentral. Und bezahlbar ist beim Wohnort hier im wahrsten Sinne das Schlüssel-Wort.

Wohnst du noch oder Statussymbolst du lieber?

Ich leiste mir doch nichts, um was vorzuzeigen, während ich hintenrum wochenlang Nudeln mit gestreckter Soße futtere. Ich wohne doch nicht für andere, ich wohne wo ich wohne, um einen Ort zu haben, an dem ich mich heimisch fühle. Dieses Home-away-from-Home-Gefühl hatte ich damals bei Wohnungs-Besichtigung Nummer drei. Und habs bis heute. Alles wichtige in der Nähe, ruhig, und alles andere wichtige super schnell zu erreichen.


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© Gentlemens Journey

Apropos wichtig. Scheinbar liegen Prioritäten aber teilweise anders. Auf Social Media sieht gefühlt jede Wohnung aus wie aus dem Katalog. Aber jetzt mal Schluss mit dem Kindergarten: Ein Charakter ist doch nicht schlechter, wenn er sich nicht über 3 Zimmer, Küche, Bad und fetten Balkon ausbreiten kann. Persönlichkeit kann man im kleinsten Raum haben, und wenn es erstmal nur der Kopf ist. Zu denken, ich hab weniger Humor, bin weniger vertrauenswürdig, wäre weniger Beziehungs-geeignet oder würde nicht für meine Family dasein ist doch denken auf dem Level von Leuten, die an flache Erde glauben, sich ausziehen für ein Supertalent halten und meinen, wegen 100.000 digitalen Followern müsste sich die Welt um sie drehen. Da dreh ich eigentlich nur durch.


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Löffel in Jackentaschen werden safe mal Trend. Kein Trend: sich über andere stellen, nach Dingen oder dem Wohnort beurteilen, zu denen sie gar keinen Bezug haben.


Was ist das für ein Text bitte?

Gleiches Beispiel Job – nicht ganz so hart, kommt aber vor. Ob man da notwenig verdiene, wird oft gefragt. Tz. Geh halt bitte woanders nerven. Ich ziehe einen Job mit geilem Team, zu dem ich jeden Tag motiviert gehen kann (oder in Ausnahmezeiten genauso motiviert von egal wo auch immer mache), einem derbe bezahlten Beruf vor, in dem es mich als Privatperson oder Privatleben gar nicht mehr gibt, vor.

Und sorry, falls echt jemand die leise Hoffnung hatte, hier noch eine lyrische Würdigung von Milbertshofen zu lesen. Das wäre kein passender Charakterzug. Es ist kein Viertel, das sich in den Mittelpunkt stellt. Dafür aber immer für dich da ist, wenn du was brauchst. Und wenns dich einfach kurz zum Lachen bringt. Von daher: Wohn ich da schon sehr passend.

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