Kein Selbstläufer

Am Tag Barber, bei Sonnenuntergang Sneaker-Sammler. Für seine große Leidenschaft nimmt Orhan viel auf sich. Hausbesuch bei einem Supersenkelheld, der eigentlich gar keiner sein will. Und ein Portrait über Liebe auf den ersten Tritt, den Alltag zwischen Rasiermessern und Sammlerstücken und die wichtigste Währung im Ge(h)schäft: Respekt.

Letzter Schnitt. Er klappt das Rasurmesser zusammen, steckt es mit einer Bewegung in die Brusttasche. Nimmt den Barttrimmer zwischen Daumen und Zeigefinger. Wirft ihn hoch, dreht sich auf dem Absatz, fängt ihn hinter dem Rücken. Flippt ihn wie lässig wie ein Cowboy den Colt, pustet spaßig den Rauch weg. Jackentasche, eingesteckt. Anerkennender Blick im Spiegel, Händeschütteln. Zwei Wochen später sitze ich auf seinem Rasurstuhl. Es ist Dezember 2014. Seitdem sammle ich bei ihm Termine. Und die von Orhan sind so begehrt, wie die Sneaker, die er sammelt.

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© Anastasia Petrokova

Oktober 2018. Sonntagvormittag, Münchner Süden. Orhan öffnet die Wohnungstür. Sogar die Fußmatte davor trägt Supreme. Auf dem Regal hinter ihm fällt der Blick auf die ersten Schätze. Nike Element React 87, Air Max 1er Elephant, Yeezy 750. Off-White Chicago, Investition: 1000 Euro. Allein mit den Sneakern in den durchsichtigen Plastikboxen über ihm könnte er sich einen Maledivenurlaub finanzieren. Aber Sand und die Babies vertragen sich nicht so.

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Soundtrack der ersten Liebesläufe

In den Achtzigern und Neunzigern wurden Turnschuhe über die Musikszene salonfähig. Schuhe, die bislang zum Sport getragen wurden, betraten neues Terrain. Viele Sammler der allerersten Stunde kamen über Basketball zu ihrer zukünftigen Passion. Einer von ihnen: Orhan. „Mein erster Jordan war der 8er, Bugs Bunny, Playoff, schwarz. Ich hab mich gleich gefühlt, als könnte ich viel besser Basketball spielen.“ Als er sich verliebte, war er fünf. Für ihn sind Sneakers kein Hobby. Sie sind Identität.

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„Einer meiner letzten Pick ups“, sagt Orhan, und drückt mir einen Jordan 1 High Court Purple in die Hand. „Brutales Ding“. Wie alles anfing? Die Augen funkeln wie bei Kindern im Spielwarenladen. „Alles begann mit dem 4er Jordan. 1989 war das. Nachdem mein Bruder ‚88 den ersten 3er Jordan nicht bekommen hat. Aber es war eben auch ein Ding der Unmöglichkeit damals, einen Turnschuh für 250 DM zu kaufen. Alles ins Rollen brachte der Film „Do the right thing“. Der beginnt mit einer krassen Szene. Ein Weißer, mit langen Haaren und Boston Celtics Trikot, fährt mit seinem Fahrrad über einen weißen 4er Cement. Von einem Schwarzen. Ein Affront. Das schmerzt beim Erzählen. Es  machte den Jordan zu einem der ersten heiligen Grale. Und stell dir vor, wie schwer es ist, mit sechs Jahren an diesen Schuh zu kommen“. Rund 30 Jahre später besitzt Orhan eine Handvoll von dem Modell.

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Ein Date, aus dem eine Beziehung wurde, der er bis jetzt treu ist. Oft verliebt, schöne Zeit gehabt, von manchen Eroberungen hat er sich wieder getrennt. Zu wenig Platz. Zu wenig Zeit. „Manchmal mache ich es bewusst. Du kannst als Sneaker-Sammler nicht alles besitzen. Musst Platz schaffen für neues. Ich hab Freunde, die besitzen viermal so viele Sneaker wie ich. Aber glücklicher sind sie nicht. Und dann mache ich lieber andere damit glücklich. Orhan enthüllt seinen nächsten Schatz. „Das hier ist ein Jordan 4 Retro Kaws“. Er schiebt vorsichtig das Papier beiseite. „Fühlst du dieses Material? Wahnsinn“.

Sneaker-Sammler oder: anziehen, anlegen

Rückblick. „Nice Schuhe!“, sagt Cowboy Orhan, der gegenüber seinen Stuhl für einen neuen Rasurritt vorbereitet. Anerkennend nicht er meinen Yeezy Pirate Black zu. Irgendwie klar, dass unser Kennenlernen mit einem Gespräch über Sneaker anfing. Der erste Blick geht immer auf die Füße. Auch vier Jahre später. Orhan trägt Jordan 1er Retro reversed shattered, eines seiner begehrten Lieblingspaare. Zu haben auf der Sneakerbörse StockX für mehrere hundert Euro. Sneaker sind Anlageobjekte der Stunde. Das Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage sorgt für weltweite Hypes. Und steigende Preise.

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© Anastasia Petrokova

Lord of the Kickz

Wir gehen kurz vor die Haustür. Zigarettenpause vor einer Grafitti-verzierten Hauswand. Orhan hat Besuch bekommen. Sven, Besitzer einer der bekanntesten Münchner Sneaker-Stores, ist eine ganz wichtige Bezugsperson für ihn. Ebenfalls Sneaker-Sammler. Wandelndes Lexikon. Er weiß, wie der Hype entstand.

„Als Nike mit Skateboarding angefangen hat, haben sie Ländercodes gemacht. Du hast in Spanien andere Farben bekommen als in Frankreich. So ging das Tauschen los. Sozusagen der Anfang dieser Kultur, die jetzt mit dem Resell ganz schlimme Spitzen gefunden hat.“

Heute muss man connected sein. Einen Plug haben, wie Sven das nennt.  Oder kein Gewissen. „Jetzt fahren Leute, finanziert von Auftraggebern, mit dem Auto zu Sneaker-Drops, und kaufen die Schuhe auf Deadtstock runter. Du bezahlst 120 Euro im Laden, gehst raus, draußen wedelt einer mit 500 Euro – und dann brechen die Leute ein. Dann werden die Modelle geparkt und vier Wochen später mit bis zu 1000 Prozent Gewinn wieder verkauft. Wo bleibt da die echte Liebe?“

Senkeltick am Vormittag

Wie tickt ein Mensch, der den Aufwand nicht aus Profitgier auf sich nimmt, sondern aus Leidenschaft? Genauso wie du und ich. Nur die Uhren gehen anders. Seine Tatort-Zeit ist nicht 20.15 Uhr, sondern 10 Uhr morgens. Dann werden die meisten Schuhmodelle releast.

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© Anastasia Petrokova

Organisierte Superkräfte

Sven nimmt einen Zug aus der Zigarette. „Was für mich als Sneaker-Sammler zählt, ist Respekt. Und deshalb unterstütze ich Orhan. Er hat sich das erarbeitet. Beschafft sich die Informationen über Erscheinungstermine, filtert sich seine Juwelen heraus. Wird aktiv. Viele denken, es fällt ihnen einfach in den Schoß, ohne etwas geleistet zu haben. Er macht das mit Geschmack. Mit klaren Ansagen. Organisation. Und Respekt ist eine Währung, die bei uns ihren Wert immer steigert. Wenn Sven redet, schweigt Orhan. Stimmt aber mit jedem Blick zu. Die beiden verstehen sich mittlerweile ohne Worte. Sie könnten furzend Morsecodes erfinden, jeder wüsste was der andere denkt.

Von Jokern und Schätzen

Zurück in der Wohnung. Orhan zieht einen neuen Karton aus dem Schrank. „Warte, das muss ich dir unbedingt noch zeigen“. Er zieht ein oranges Shirt aus dem Regal. Supreme, klar. Ein echter Schatz. Die einzelnen Buchstaben sind mit Bildern von Persönlichkeiten hinterlegt. „Und die hier kennst du ja – vom leer ausgehen“. Er drückt mir die Air Max 97 Off-White in die Hand. Und grinst breiter als der Joker.

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© Anastasia Petrokova

Batmans Gegenspieler ist auf Orhans Haut verewigt. Fasziniert hat ihn der Joker schon seit der Kindheit. Ein gut gelaunter Bösewicht mit Verstand. Kein verwöhnter Bonze wie Bruce Wayne, der nie für seinen Erfolg arbeiten musste.

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Zu Orhan passt das Tattoo. Er kann immer die richtige Karte spielen. Ist Entertainer. Showmaster. Gedächtnisakrobat. Hat alle Schnitte aller Stammkunden im Kopf. Alle Vorlieben. Kaffee schwarz, zwei Stück Zucker, kommt sofort. Wie war der Urlaub auf Sardinien? Den Bart wieder mit Verlauf, spitz zulaufend, Seiten kurz. Bitte. Danke. Wohl nirgendwo sonst sind unsere Emotionen und Laune so stark geknüpft wie an den richtigen Haarschnitt. Dabei ist Show das eine. Leistung das andere. Nur wird das nicht immer gewürdigt.

„Ich bin keine Maschine“, sagt Orhan, und zieht meine Haarkontur mit dem Messer nach. Wer ihn kennt, merkt: Wenn ihm etwas gegen den Strich geht, wird er wortkarger, und die Betonung ändert sich. Nicht drastisch, aber man kann es spüren. Was er nicht mag, ist Unpünktlichkeit. Für uns sind es fünf Minuten, ihm schmeißt es den ganzen Tagesplan durcheinander. Die Verspätung addiert sich mit den Kunden, der nächste muss warten, stellt blöde Fragen. Und Orhan kann seine Mittagspause streichen. Für Qualität muss man sich Zeit nehmen. Und hinter seinen Schnitten steht er mit seinem Namen. Das stellt man nicht unter Wert ins Schaufenster.

Because i’m happy

Um Arbeit und Sneaker-Sammler-Liebe unter einen Hut zu bekommen, muss man schlau agieren. Muss es lieben. „Die Sneaker sind auch Motivation für den Job. Ich habe versucht, mich besser zu verkaufen. Noch agiler zu sein. Wenn ich morgen weiß: Ich will mir diesen Off-White kaufen – dann gebe ich bei meinen sieben, acht Kunden noch mehr Gas. Und davon profitieren alle. Ich mache Menschen happy, um mich happy zu machen.“ Bei Orhan spürt man das schon als Fremder. Mit einer Geschmeidigkeit wie ein Michael Jackson-Moonwalk zieht er Rasurlinien und bringt Pomade unter die Haare. Und mit der gleichen Passion, mit der er im Münchner Barberhouse Haarschnitte verpasst, sammelt und pflegt er seine limitierten Sneaker.

© Anastasia Petrakova© Anastasia Petrakova

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Offen & Ehrlich

Manchmal wird aber auch der Joker in ihm lebendig. „Ich mag ja seine unprätentiöse Art“, sagt Sven, und muss sich vor Lachen erstmal kurz sammeln. „Jordan Chicago Campout, alles war schon gesettlet, Schlange. Orhan kam mit dem Fahrrad. Dann hat er in einer Art und Weise mit den Kids gesprochen, ja, einfach die Macht an sich gezogen. Eine Aura wie Heath Ledgers Joker. Hat ganz easy gesagt: Ab sofort läuft das über mich. Ihr macht keinen Mucks mehr. Du da: H&M Schuhe, noch nie was von Jordan gehört, und jetzt stehst du da. Schleich dich!“

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Sneaker-Sammler: Schuh oder Kater

Als er und Sven anfingen, gab es kein Internet. Aber für ihre heiligen Grale nahmen die Sneaker-Sammler selbst das Unverständnis ihres Umfelds auf sich. „Es gibt viele die es nicht verstehen. Aber ich kann auch nicht nachvollziehen, wie man jedes Wochenende hunderte Euros versäuft.“

Die Zeit ist Rum

„Bock auf nen Drink? Weil ich kurzfristige Termine oder verkürzte Pausen zu schätzen weiß, revanchiere ich mich ab und an mit seiner dritten Passion: Rum. Der heute kommt aus Guatemala. Ron Zacapa XO. Orhan kuckt wie Michael Jackson nach dem Griff in den Schritt. „Alter!“ Seine größte Anstrengung?

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Ein Air Jordan 1 in Kooperation mit dem japanischen Label Fragment design. Ein Schuh, für den Orhan drei Tage vor dem Store gecampt hat. Im eiskalten Dezember. Er hebt das Glas. „Das war über Weihnachten. Wir wussten: Freitag kommt dieser Schuh. In Deutschland verkaufen ihn genau zwei Läden. Beide in München.  Und einen hier betreibt er“, sagt Orhan, und klopft Sven auf die Schulter. „So haben wir uns auch kennen gelernt.“

Japanischer Mafiaboss trifft Off-White

Sven muss sich an einen weiteren Joker-Moment erinnern. „Hypercon, Sneaker-Sammler-Messe im Zenith. Wir hatten einen Kumpel dabei aus Südafrika. Höflicher Mensch. Nach einer halben Stunde sind wir raus. Rauchen. Orhan stand schon da, an eine Ecke im Schatten gelehnt, inhaliert die Zigarette wie ein japanischer Mafia-Boss. Zehn Meter entfernt schlurft ein kräftiger Typ vorbei. Longshirt, graue Baggyjeans, die Off-White Jordans darunter gerade noch erkennbar. Orhan deutet mit Finger auf ihn: Da! Schau’s. Dir. An! Das ist, wovon ich die ganze Zeit rede. Nicht schätzen und nicht laufen können. Bei dem Typ, der das alles gehört hat, bricht der Swag in kleine Scherben. Der Kumpel aus Südafrika muss das alles erst durchübersetzen. Dauert eine halbe Minute. Dann sagt er nur: No, you did’t. War ein geiler Sonntag.“

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Eine Fledermaus auf der Warteliste

Wie an jedem verdammten Sonntag gehen Sven und Orhan die Sneaker-Termine durch. Diesmal will Orhan ein begehrtes Ticket. Ein neuer Off-White kommt. Er steht auf, flippt den Jordan, mit dem wir ihn gerade fotografieren wollten, in die Luft. Fängt ihn, und legt ihn auf dem Regal ab. Direkt neben einem Bart-Trimmer, knallrot wie Jokers Make-up, verziert mit Supreme-Schriftzug. Orhan grinst. Aber selbst Batman müsste sich bei ihm für einen Termin anstellen. Wenn er denn überhaupt einen bekommt.

 

Bilder: Vielen Dank an Nastya für die tollen Aufnahmen. 

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