Selbstverständlich nicht selbstverständlich

gentlemens journey meinung rollkragen

Hab ich eigentlich immer zu schätzen gewusst, was Menschen für mich tun? Und: andersherum? Zeit, mal Danke zu sagen

Ich hab echt lang überlegt, ob ich diesen Post schreibe, aber für Ehrlichkeit und Selbstreflektion sind Blogs ja eigentlich da – und weniger, um dort sich selbst zu feiern und Werbung abzuladen. Aber das ist meine persönliche Meinung.

Ich kann mich nicht mehr an alles Tag genau erinnern, was in meiner Kindheit so los war. Was ich damals schon wusste: Ich hab die coolsten Eltern der Welt. Wie cool allerdings, das war mir lange nicht bewusst. Hab ich nicht oft so zurück kommuniziert. Ich dachte bis ins Jugendalter: So wächst man halt normal auf. Und über Emotionen sprechen und ich – das war schon früh eine Disziplin, ich der ich nur mit Mühe eine Teilnehmer-Urkunde bekommen hätte.


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Jetzt als Onkel erleb ich meine Kindheit im übertragenen Sinn ein zweites Mal. Hab es direkter vor Augen, und begreife: Wie meine Eltern zu ihren Enkeln sind, waren sie auch bei mir und meiner Schwester.


Jetzt als Onkel erleb ich meine Kindheit im übertragenen Sinn ein zweites Mal. Hab es direkter vor Augen, und begreife: Wie meine Eltern zu ihren Enkeln sind, waren sie auch bei mir und meiner Schwester. Fahren am Wochenende regelmäßig in die Heimat, um dort Kinder zu sitten, nehmen sich auch spontan unter der Woche Tage frei wenn Not am Nachwuchs ist, nehmen launen, Energie-Überschuss und Schrei-Arien der Kleinen mit Seelenruhe hin, stellen sich oftmals hinten an. Aber sie nehmen das alles mehr als gerne auf sich.


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Schönes Gefühl für die Kids, safe. Auf der anderen Seite: kurzer Kinnhaken vom schlechten Gewissen. Weil ebenso schnell schlagartig klar war: Ich hab echt viel als ziemlich selbstverständlich genommen. Ohne richtig heftig danke zu sagen.


Immer alles möglich gemacht

Skikurs? Und extra nicht grade billig Skier ausleihen? Kein Problem. Sprachaustausch, damit man bei den Freunden auch dabei sein kann? Kein Problem, bezahlt. Fußball? Machen wir. Die Schuhe von Beckham? Schon teuer. Aber ok. Zwei Mal zum Training fahren die Woche? Ja. Jeden zweiten Sonntag in ein Kaff in der Nähe meines Ortes zum Auswärtsspiel fahren, und zuschauen bzw. dann wieder abholen? Machen wir. Verweis? Kein Stolz, aber Strafe gab’s nie. Mehr Enttäuschung, aber das ist einem als Schüler auch nicht direkt bewusst. Abi-Fahrt? Klar. Nur – bei zwei Kindern und monatlichem Konto-Punch durch Hauskauf: Alles andere als klar. Später Unterstützung bei der Ausbildung, Umzug, Starthilfe in München: Für sie war das selbstverständlich.

Wenn irgendwas war: Meine Eltern haben eigentlich nie größer gefragt, wieso und warum. Ich muss immer dran denken, als meine Mom erzählt hat, wie mein Opa das gehandelt hat. Der hat, wenn es um uns als Baby (ja, ich war auch mal cute) oder Kind ging, nie gefragt warum das jetzt sein muss, ob Zeit war, auf uns aufzupassen, sondern immer: Wie kann ich euch helfen? Irgendwie war das bei mir genauso – nur wird es über 20 Jahre später erst richtig bewusst. Und es ärgert, dass man sich zu selten wirklich aufrichtig dafür bedankt hat.


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© Gentlemens Journey

Was ist für mich selbstverständlich?

Das interpretiert jeder am Ende anders. Ich hab beispielsweise vor Kurzem einer mir ziemlich wichtigen Person bisschen Crashkurs in WordPress und Digitalen Tools gegeben, weil es für ihren neuen Job wichtig war. Sie hat sich x-mal bedankt, weil das nicht selbstverständlich gewesen wäre – für mich war das das normalste, da zu helfen und sich Zeit zu nehmen. Weils kein Umstand, sondern Freude war. Weil ich aber auch denke: Was würde ich mir an der anderen Position wünschen, worüber würde ich mich freuen? Wenn mich jemand nachts anruft (und die meisten wissen, ich telefonier ungern), bin ich trotzdem da und hör zu. Beraten konnte ich in Dating- und Beziehungsfragen schon immer. Nur halt selbst nicht auf die Reihe gebracht. Dass es aber auch immer einen Haken geben muss. Zurück zum Thema: Es gab auch Dinge, die ich für selbstverständlich hielt – und dann Konsequenzen hatten, weil andere die Meinung nicht teilten.

Bei den Werten nicht mehr wert

Für mich waren beispielsweise Crushes oder Ex-Dates von besten Freunden No-Go. Einer meiner damals besten Freunde sah es eher als selbstverständlich an, mehrmals trotz schon begonnener Date-Phase erst selbst mal aktiv zu schauen, ob die nicht für ihn passender wären.

Um dann zu drohen, die Freundschaft aufzulösen, wenn man es wage, sauer zu sein. Geile Logik ist also kein Frauen-Klischee-Privileg.

Raum und Zeit? Scheißegal!

Stichwort Privileg: Ich finde es alles andere als selbstverständlich, wenn man Freundschaften trotz räumlicher Distanz und vielleicht auch privaten Veränderungen wie Familien-Bildung oder zeitintensive Arbeit aufrechterhält – und die Connection dann, wenn man sich sieht, dennoch 1:1 die bekannte und so geschätzte ist. Für diese Menschen bin ich bei mir echt dankbar.


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Nicht selbstverständlich oder: die 3 magischen Worte

Ich weiß dank meiner Family auf jeden Fall, wie ich werden möchte, wenn ich selbst mal in der Eltern-Position bin. Das ist für mich selbstverständlich. Und ausnahmsweise, aber alternativlos, endet der Post diesmal mal nicht mit einem Wortspiel, sondern einem ehrlichen:

Danke, für alles!

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