Lass dich nicht zurück!

Zusammensein ist Teamwork. Wenn einer nach eigenen Regeln spielt, verliert der andere. Eigentlich aber: beide. Oder: Warum selbstlos sein keine Lösung ist. Ein Protokoll.

Ich bin nicht mehr ich selbst, sagt sie.

Die Hände umklammern das Handy. Der Blick abwesend, sie starrt aufs Display. Wartet auf eine Nachricht. Einen Anruf. Vergeblich. Er ist 900 Kilometer entfernt. Emotional aber offenbar noch weiter. Seit Monaten schon. Sie tippt. Korrigiert. Löscht. Tippt erneut. Wirft das Handy vor sich auf den Tisch.

Ich will wieder ich selbst sein, sagt sie.

Gedankenkarussell. Wer ist schuld? Wann ist das aus dem Ruder gelaufen. Die Stimme stockt. Zweifel. Ist sie vielleicht verantwortlich? Liegt die Schuld bei ihr? Warum sind Männer so, fragt sie. Warum wird nichts mehr investiert? Nicht mehr an den anderen gedacht? Wie kann das einfach abprallen? Sie greift zum Handy. Immer noch nichts.

Lässt du mich wieder ich selbst sein, möchte sie ihn fragen.

Sie knetet ihre Finger. Unruhig. Will so viel loswerden. Sie ist aus dem Takt gekommen. Weil er ihn immer angibt. Sie sind keine Einheit mehr. Sie sind ein Kompromiss. Und sie kann nicht mehr. … es wird ich liebe dich gesagt wenn es dir passt… es gibt Küsse wenn es dir passt… es wird nur dann gekuschelt wenn es dir passt… es gibt Intimität wenn es dir passt… es wird sich gemeldet wenn es dir passt… wir schlafen in einem Raum, wenn es dir passt… du hast Zeit für uns wenn es dir passt…. wir essen zusammen, wenn es dir passt… du weißt mich ab und redest nicht mit mir wenn es dir passt… wir ignorieren einander wenn es dir passt… wir planen Voraus wenn es dir passt… du integrierst mich in deinem Leben wenn es dir passt… wir haben eine Beziehungsauszeit wenn es dir passt… du interessierst dich für mich wenn es dir passt… du lässt Dinge weg wenn es dir passt… du lässt mich weg wenn es dir passt… und dann erklärst du mir es kann sich nicht permanent um meine Bedürfnisse und um meine Person drehen? Sag mir, wann es dir nochmal um mich geht?

Eine Antwort blinkt auf. Kurz und knapp. Kein Drama bitte, passt jetzt nicht. Bei der Rückkehr am nächsten Abend vielleicht. Sie ist nicht wirklich überrascht.

Kann ich irgendwann wieder ich selbst sein, fragt sie.

In fremde Köpfe schauen ist schwierig. Auch wenn man sich jahrelang kennt. Sie kämpft. Aber lange nicht mehr nur um die Beziehung. Mittlerweile um sich selbst. Wo früher Bemühung war, regiert jetzt Gleichgültigkeit. Einsichten? Fehlanzeige. Fühlt er sich eingeengt? Unter Druck? Überfordert? Keine Antwort.

„Ich will dein echtes ich zurück“, sage ich.

Meine echte beste Freundin. „Aber möglichweise wirst du etwas anderes dafür zurücklassen müssen“. Beziehung, das ist geben und nehmen. Wenn daraus aufgeben und sich zurücknehmen wird, läuft was falsch. In Zeiten, in denen lieber neu zugelegt als repariert wird, sollte man eine(n) (trotz sicherlich nicht mangelnder Angebote) kämpfende(n) Partner(in) echt zu schätzen wissen.

War ich auch mal jemand, der nur agiert hat, wenn es ihm gerade gepasst hat? Ein Teil dieser Antworten würde mich verunsichern. Und das ist eine andere, eigene Geschichte.

Kritik annehmen ist nicht leicht, Fehler einsehen kostet noch mehr Überwindung. Einsehen, jemand verletzt zu haben, erst recht. Aber ich finde: Schwäche zeigen ist eine Stärke. Egoistisch sein nicht. Was wir daraus lernen? Wenn jemand kein Teamplayer ist – okay. Aber spielt trotzdem fair! Und nicht mit ihr.

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