Kein Posterboy

Einen Lifestyleblog machen, ohne das ganze Leben online zu posten? Supreme sein, ohne Fake zu werden. Geht das? Wenn man der Haltung wegen auf Reichweite verzichtet, ja. Aber mir immer noch lieber, als eine Instagram-Marionette zu sein.


Ich muss was beichten. Puh, durchatmen. Also: Vergangene Woche war ich essen. Fancy Restaurant. Attraktive Begleitung. Attraktives Essen. Handyakku voll. Und ich? Hab gegessen. Einfach aufgegessen. Und das Smartphone links liegen gelassen. Kein Bild gemacht. Bezahlt, schönen Abend gehabt. Erfahren hat davon niemand. Habs ja nicht online geteilt.

Ich poste, also war ich?

Und dann kommen Gedanken auf. Wars das jetzt eigentlich wert? Hat sich die nicht ganz preiswerte Rechnung rentiert? Einer Bekannten hab ich auf die Frage, wie mein Wochenende war, vom Besuch in meinem Heimatort erzählt. „Wie“, sagt sie, „du hast ja gesagt, du hast es vor – aber ich hab nichts auf Insta gesehen, also dachte ich, du bist hier geblieben.“ Hab ich etwas nur erlebt, wenn ich es auch geposted habe? Hotels und Urlaube werden danach beurteilt, ob die Location oder Destination instagram-tauglich ist. Sonst lohnt sich der Invest ja eigentlich nicht. Mach ich Bilder vom Urlaub oder urlaube ich für Bilder? Ich hab rechnen noch nie gemocht, aber die Gleichung kann doch nicht aufgehen.

Dilemma im Quadrat

Wie viel lebe ich eigentlich vom aktuellen Moment, wenn ich ständig drüber nachdenke, wann und wie ich davon das beste Bild machen kann? Oder es machen lasse? Und muss man das denn überhaupt? Ich finde nein. Stehe mit dem Blog da aber vor einem Dilemma: Ohne Posts auf Social Media keine Reichweite. Keine Follower. Keine Klicks. Und auch ein kleiner Lifestyleblog lebt von wachsenden Lesern. Man komm ich mir blöd vor, wenn ich Freunde oder Family fragen muss, ob sie „eben mal schnell ein Bild machen können“. Selbstportraits alleine sind halt irgendwie schwierig. Nur mit Spiegelbildbildern möchte ich meinen Account jetzt echt nicht pflastern. Ein Problem, denn Instagram erwartet schon zwischen einem und drei Bildern. Am Tag. Erst dann wird man im Algorhythmus hochgespült. Und man „entertaint“ genug. Also verbringt man gefühlt jeden Friseur– oder Café-Besuch damit, eine passende Situation, einen passenden Winkel oder einen passenden Passanten zu finden. Alles für den Dackel war früher. Heute geht’s nur um das passende Bild. Mich stresst das. Ich will da nicht mitspielen.

Herzen zählen nur offline

Früher in der Schule war meine größte Angst, ein Außenseiter zu sein. Dazugehören ist cool. Erstrebenswert. Ja, mag sein. Aber nicht um jeden Preis. Likes und Follower auf Instagram sind schön. Aber nicht das echte Leben. Ob ich einen Moment genieße, und wie ich das Treffen mit Freunden oder einen Urlaub erlebe, will und muss ich nicht von aufblinkenden roten Herzen und Sprechblasen abhängig machen. Lebensziel: Instagram-Marionette: Nicht für mich. Dass ich nicht alles poste, liegt auch an einer meiner Macken. Ich denk zu viel nach. Bin das ich? Was sag ich damit? Sitzen die Haare? Lächle ich auch nicht? Und lade am Ende nur Aufnahmen hoch, bei denen ich ein gutes Gefühl hatte.


instagram-marionette gentlemens journey

Chancenlos gegen Bilderbuchbilder?

Wie ein ekliger Mallorca-Schlager-Ohrwurm kreisen dann auch noch die Vergleichs-Gedanken durch den Kopf. Kann ich mein selbstgemachtes Handy-Bild überhaupt hochladen? Schaut man sich die durchgestylten Profi-Bilder der ganzen Influencer an, hab ich das Gefühl, als wäre mein Selbstbewusstsein ein blasser Teig, der von der großen Maschine nach allen Regeln der Kunst durchgeknetet wird. Überall Momente wie aus dem Katalog, eingefangen von Profis, über-inszeniert und weiter weg von der Realität als ich von der 1 in Mathe. Kann ich da mithalten? Klar stehen da Profi-Fotografen und Bearbeitung dahinter, aber wahrgenommen wird einfach das Ergebnis. An der Stelle möchte man seinen Kopf selbst mal durchkneten, aber als Bäcker wäre ich noch schlechter als im Bruchrechnen.

Eigentlich gehen auch die nur klein und groß auf die Toilette. Wenn sie dokumentieren, wo sie gerade sind, sieht das auch oft gleich aus. Mit Händen in den Hosentasche über die Straße laufen, mit der zweimal hoch und runter bestellten kompletten Frühstückskarte am Pool, sie stehen in Paris auf dem gleichen Balkon, kleben in Bali am Rand des selben Terrassen-Pools, radeln über die Malediven oder bewerben Produkte in den produktentferntesten Umfeldern.

Keine Instagram-Marionette: Ihr Lieben am Arsch

Ich stell mir dann immer vor, wie ich durch meinen 85.000 Einwohner-Geburtsort laufe, das Handy im Anschlag, und auf dem Weg durchs Einkaufscenter meinen „Lieben“ den eigenen Tagesablauf ins Smartphone huste. Puh. Der ist für mich schon nicht immer berauschend, und wenn ich früh aufwache, denke ich an Kaffee oder den Weg ins Bad, aber bestimmt nicht, mein 3-Minuten-wach-Gesicht in die weite Online-Welt zu streamen. Geschweige auch nur je ein Posting mit Ihr Lieben zu starten. Ich schätze euch Leser so. Aber eine Instagram-Marionette möchte ich nicht werden.

Teil-Zeit-Job

Mein Hauptjob und der Blog finden digital statt. Und das liebe ich. Aber gerade deshalb ist mir offline-Zeit wichtig. Ich schätze sie. Und ich nehme sie mir. Eiskalt. Am Ende entscheidet jeder selbst, was und wie viel er online teilt. Ich teile sehr gerne. Ich teile coole Spirituosen mit Freunden und der Familie. Ich teile Momente mit meinen Nichten, der besten Freundin, den Eltern. Ich teile Schwächen und Probleme. Ich teile Zuhören und Ratschläge. Offline. Und das ist wohl der einzige Moment, in dem mir Mathe im Leben wirklich Freude macht.

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