Machen mich mehr Follower zu einem besseren Menschen?

Währung Likes: Entscheidet neuerdings die Zahl meiner Instagram-Follower oder Likes über meinen Charakter und mein Talent? Vorsicht: Dieser Text kann Spuren von Ironie und Mimimi enthalten.

„Jo, hast du über 75k Follower? Ab da machen wir sowas, dann geht das.“

Nein, ich hab keine Übernachtung in Dubai angefragt inklusive Business Class-Flug. Ich hab auch nicht gefragt, ob ich mir teure Designer-Klamotten für ein Bild ausleihen darf. Oder meine Wohnung mit Gratis-Möbeln einrichten kann. Nö. Nur mit höflicher Mail ein Hotel, ob ich in der Mittagspause eines der Zimmer für eine halbe Stunde nutzen dürfte, um dort für eine meiner Rubriken Bilder mit Produkten zu machen. Mein Blog wurde offenbar gar nicht erst angeschaut, da wäre die Zahl der Insta-Abonnenten schnell gefunden gewesen. Wie auch die Antworten auf weitere Anfragen zu ähnlichen Story-Ideen vermittelt mir das Feedback die Message: Likes haben mehr Priorität als Engagement oder Leidenschaft für ein Thema.

Zeig mir deine Follower und ich sage dir, wer du bist?

Ich versuche es immer mit nett fragen. Kostet nix, und einfach höflich ansprechen war auch Zeit seines Lebens die Devise meines Opas. Der war ein echtes Naturtalent. Und hat zur Not auch bei Verständnisproblemen mit Handzeichen Dinge gemanagt. Dass man als kleiner, neuer Blog mehr Absagen und Körbe bekommt, ist mir ja bewusst. Manche Geschichten lassen sich nur mit Hilfe erzählen. Viele Firmen haben dabei individuelle Vorgaben, und ich respektiere das auch. Mir fällt es nur teilweise schwer, manches nachzuvollziehen.

Dass mit mehr Vermögen auch mehr Vorzüge kommen, ist nichts Neues. Die Tendenz, nach meiner digitalen Währung beurteilt zu werden, aber schon. Und ich mag sie nicht. Denn die Frage nach Followern hört man mittlerweile nicht nur auf Kundenevents oder Terminen, auf denen man andere Journalisten und Blogger trifft (und man einfach nur hofft, sie nicht beantworten zu müssen), sondern auch auf Dates oder beim Kennenlernen. Und da hört’s dann mit dem Verständnis auf.

Klasse nur bei Klick-Masse?

Liebes Gegenüber, bin ich ein Mensch zweiter Klasse, weil ich keine Normzahl an Followern habe? Darf ich erst ab 10k eine tageslichttaugliche Optik für mich beanspruchen (und offiziell sagen ja, ich sehe ganz gut aus)? Ab 15k bekomme ich deine Nummer? Und ab 30k Instagram-Follower darf ich dann ein Häkchen bei inneren Werten machen? Krieg ich wenigstens eine Teilnehmer-Urkunde, weil ich Facebook und Instagram habe? Mimimi. Dann korb ich mich freiwillig selber. Instagram-Husband muss ich jetzt nicht im Lebenslauf stehen haben.

Ich werde beurteilt. Komme ich mit klar. Wenn meine Texte, Ideen oder Fotos scheiße sind – hey, no deal. Kritik ist immer willkommen. Kein Sixpack? Zu viel Bart? Sorry. Dann halt kein Match.  Nur erlebe ich immer öfter den Fall, nicht nachdem beurteilt zu werden, was ich mache, sondern wie viele mir dabei zusehen.

Mädchen, wenn du dich vor deinen Girls dafür schämen musst, dass dein Typ keine vierstellige Followerzahl hat (omg omg), solltest du lieber schauen, wie viele deiner grauen Zellen dir eigentlich noch so folgen. Aber come on.

Einer meiner besten Freunde hat kein Instagram (omg wtf) dennoch jede Menge Charakter samt Optik und ohne Tinder seine Traum- und Ehefrau gefunden. Crazy. Das Weltbild ist also noch im Gleichgewicht.

Mehr Instagram-Follower gleich mehr Qualität?

Nochmal zurück ins Hotelzimmer. Abgesehen von der Reichweite: Was sagen denn 75k Instagram-Follower über meinen Charakter aus? Oder meine Talente? Erzähle ich eine Geschichte dann anders? Wertvoller? Kreativer? Überzeugender? Ich liebe es, Geschichten zu erzählen. Menschen von dem zu begeistern, was mich begeistert hat. Deswegen kam ich zum Schreiben und diesem Beruf. Den Weg hätte man sich auch sparen können und einfach nur beim Bachelor mitmachen. Danach hat man zwar seine Würde verloren, dafür aber meistens mehr als eine Stunde Zutritt in Hotelzimmer. Optik und Inszenierung sind da halt wichtiger als der Inhalt. Da kriegt der Werbekunde auf Bild seiner Uhr auch mal eine kleine Schale trockener Pommes. Genial. (Alles bei Perlen des Influencer-Marketing zu finden, absolute Lieblingsseite) Egal, geschenkt. Ich meine: Es gibt Hunde oder Katzen mit über 1 Million Follower. Was sollen die denn sagen? Können die trotz Optik und innerer Werte selbst ihr Zimmer buchen? Computer sagt nein.

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Influence like Opa

Ich stelle mir da viele Fragen, die wichtigste aber sollte doch egal ob im Job oder beim Date sein: Was bin ich mir selbst wert? Ich muss wieder an meinen Opa denken. Der war einer meiner größten Beeinflusser. Was ein Wort. Opa war Busfahrer. Der coolste, obwohl er ganz vorne saß. Nimm das, Fler. Er hat Menschen offline beeinflusst, ohne Fitnesstea, Milka oder Waschmittel auf dem Armaturenbrett.

Die Leute haben gewartet, um mit seiner Linie zu seiner Uhrzeit zu fahren. Weil er das, was er gemacht hat, mit Leidenschaft gemacht hat. Hätten die Leute damals gewusst was ein Smartphone ist, er wäre safe Inhalt zahlreicher Snaps und Posts gewesen. Abschlüsse, Doktortitel, Auslandsjahre, Instagram-Follower oder Likes hätten Opa beim Einsteigen auch nicht tangiert, er hat dann lieber noch lockereasy durchgewunken. Im Swagbus waren alle gleich.

Also was bin ich mir jetzt wert? Gute Frage. Mathe war noch nie meine Stärke, aber der Verlauf geht stetig nach oben. Mir gefällt das. Ganz allein. Das reicht. Und ein Hotelzimmer für meine Geschichte finde ich auch noch.

Eine Freundin sagte vor kurzem, wie super sie es fände, wie ich es schaffe,  Dinge auszudrücken, die sonst schwer zu beschreiben wären. War mein Tag schon happy. Unbezahlbare Offline-Komplimente sind eben auch (m)eine Währung.

 

 

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