Jemand nur anhand von Bildern beurteilen, ist scheisse!

Von meinen Social-Media-Bildern eine Psychoanalyse machen und interpretieren, welchen Charakter ich habe? Entscheidet jetzt das Fremdbild, wer ich bin? In welchem Tindergarten sind wir denn. Beurteile kein Bild, mach dir eins!

Kritik im Netz ist ja allgegenwärtig. Wenn aber jemand nur anhand von Instagram-Bildern eine Charakter-Interpretation von mir macht, und das Interpretierte als Tatsache in den Raum stellt, hat das mit dem „Schweigen ist Gold“ für mich leider mal Sendepause.

Auf Insta & Co. erhält man öfter Nachrichten. Ich meistens von dubiosen Models, deren Seite ich checken soll. Die hier kam von einer realen Person. Und lockte nicht mit einem (Seelen-)Strip. Sie boxte der Seele eher unangekündigt in den Magen. Weil man nicht weiß: Soll ich verletzt, sprachlos oder wütend sein? Mein Kompromiss: Ich schreib einen kleinen Roman.

Gestellt ja, aber nie verstellt

Es gibt wenig, das mich mehr langweilt und nervt, als mich unnötig rechtfertigen zu müssen. Aber grade war mir mal langweilig. Viele Dinge nehme ich auf, versuche aber, es nicht an mich heranzulassen. Klappt auch ganz gut, in dem Fall hat’s mich aber echt getroffen, weil man sich fragt: Woher kommt dieser Eindruck? Und nein Madame, das nachgeschobene „so wirkt es“ macht’s echt nicht besser.

Also, logischer Schritt: Meine Insta-Bilder gecheckt. Nur der Form halber, ich weiß ja ziemlich gut, was ich online stelle. Und das zeigt mich. Vielleicht manchmal gestellt, aber nie verstellt.

Meine Meinung, mein Content, meine Leistung

Und während ich scrolle, frag ich mich: Wo surfe ich da im Geldspeicher? Wo werfe ich Fuffies und Champagner durch den Club? Wo laufe ich mit Off-Whites oder Balenciagas über die Straße?Wo werfe ich mit Blendamed-Lächeln um mich? Wo werfe ich Influencer-Sternchen am Coachella oder auf Bali Küsse zu? Posiere mit Sixpack und „durch-die-Haare-fahr“-Geste am Strand? Oder zwischen ganzen Bikini-Herden?

Alle Texte sind von mir. Die Meinung ist meine. Bei fast allen Hotels der #ThursdayJourney ist klar zu lesen, dass ich nicht dort war, aber träume, mal dort hinzukommen. True: In einigen davon hab ich mal ein paar Tage verbracht. Durch meinen alten Job, in dem man als Journalist eben mit solchen Resorts zusammengearbeitet hat. Und vor Ort wirklich gearbeitet, und nicht Urlaub gemacht hat.

Kann ich es mir leisten, es mir nicht leisten zu können?

Heute würde das alles am Budget scheitern. Schreit das Reich? Nein. Schreien meine Klamotten reich? Nein. mal meine Wohnung auf nem Post gesehen? Ne. Weils fürs Posen weiter entfernt ist als ich von nem Sixpack. Letztes Jahr war ich genau einmal im Urlaub, anstatt mein Fremdbild ernst zu nehmen und nach Dubai, Bali und Mykonos zu jetten.

Ehrlich gesagt ärgere ich mich gerade selber, dass mich diese Nachricht (und deren Gedanken-Folgen) so beschäftigt und ich mich hier mal im Strahl textlich auskotzen muss, aber kotzende Insta-Stories sind a) unsexy und b) auch unpraktisch.

Keine Insta-Marionette

Warum soll ich mir Likes für etwas holen, dass ich nicht bin oder nicht habe? Wenn ich alles Ersparte für Klamotten oder ein Hotel ausgebe, nur um dann für ein Bild ein paar Likes mehr zu bekommen oder einen Eindruck zu generieren: Was wäre ich? Eine Marionette, die alles Glück einem Social Media Kanal unterordnet. Ein Holzkopf ohne Herz.

Fremdbild: Was siehst du, was ich nicht sehe?

Ja, hab schon öfter gehört dass ich echt böse schauen kann. Dabei ist das einfach nur mein „ich lauf gerade aus (und höre Musik)-Gesicht. Eher noch eine Art Selbstschutz, die man aus Gründen in seiner Schulzeit irgendwann entwickelt hat beziehungsweise musste. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sich mein Selbstbewusstsein relativ mit sich selbst beschäftigt als anwesend zu sein. Aber die Geschichten erzählen solche Bilder halt eben nicht.

Noch so eine Instagram-Interpretation, die ich öfter schon vorgehalten bekommen habe: „Du datest ja eh nur aufgetusste Barbies. Das strahlst du total aus. Und mal ehrlich: Deine besten Freundinnen sind doch mehr als beste Freundinnen, die sind zu attraktiv, mit denen kannst du nicht nur befreundet sein“. Respekt, was man alles aus Fotos lesen kann. Befremdliches Fremdbild.

Beurteile kein Bild, mach dir eins!

Ich geb zu: Manchmal stolpere ich über Profile oder Aufnahmen, die schon verleiten, dass gewisse Gedanken aufkommen. Weil sie vielleicht ein Klischee bedienen. Weil sie pure Selbstinszenierung sind. Weil wir unterbewusst immer ein Urteil fällen werden. Die Person einordnen. Nur sollte man diese Schubladen nicht zumachen. Weiß ich, ob das ernst gemeint oder vielleicht mit Ironie aufgenommen wurde? Und muss da immer Absicht dahinter stehen? Und diese erste Einordnung schleicht solange im Hinterkopf mit, flüstert immer wieder böse, manipuliert, und versaut uns dadurch Dinge, lässt vielleicht Bekanntschaften nicht entstehen. Deswegen: Bilder sind zum Betrachten da. Und die Person, um sich ein Bild zu machen. Die lernt man erst richtig kennen, wenn die Kamera mal Sendepause hat.

 

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